Die kalte Flasche

Eines guten Tages stand ein alter Freund vor mir und bat mich um eine Sitzung. Wir sahen uns nicht oft, aber wenn wir uns trafen, war es immer eine Freude für uns beide. An diesem Tage sah ich, dass es ihm wirklich nicht gut ging und wir vereinbarten sofort einen Termin. Mein Freund, nennen wir ihn hier Holger, 48 Jahre und ein sehr angenehmer, sympathischer und freundlicher Mann, schilderte mir seine Problematik.

Er erzählte mir, dass er sich vor kurzem an einem Wochenende so fürchterlich betrunken hatte, dass er in einem Krankenhaus aufgewacht war. Dort wurde ihm von den Ärzten mitgeteilt, dass er in einem akuten Stadium eines Deliriums zu ihnen gebracht wurde. Die Ursache für das Delirium war ein starker Alkoholkonsum, der sich wohl über mehrere Tage erstreckt hatte. Holger konnte sich kaum noch an etwas erinnern. Es war eine sehr schreckliche Erfahrung für ihn, in einem Krankenhaus aufzuwachen und solch eine Diagnose gestellt zu bekommen. Er hatte schon immer ein leichtes Alkohol-Problem, wie er es nannte. Aber so schlimm stand es noch nie um ihn. Es beunruhigte ihn so sehr, dass er zum ersten Mal Hilfe in Anspruch nehmen wollte.

Nun wie gesagt, ich kannte ihn ja bereits und wusste von seinen seelischen Problemen. Wir sprachen manchmal darüber und ich sagte ihm dann öfter, dass es vielleicht gut wäre eine Psychotherapie in Erwägung zu ziehen. Er lächelte dann nur und sagte: „Wenn es wirklich mal soweit mit mir kommt, dann komme ich lieber zu dir!“ Dann lachten wir meist und wechselten das Thema.

Ich fragte ihn, was denn kurz vor diesem Wochenende passiert war, dass er daraufhin soviel getrunken hatte. „Eigentlich nichts besonders“, antwortete er. „ Es gab vielleicht in der vorigen Woche etwas mehr Stress bei der Arbeit, aber das kommt ja öfter mal vor. Trotzdem war ich an den Tagen etwas mehr down als sonst. Ich habe das ja öfter mal, wie du weißt.“ „Ja, ich erinnere mich,“ sagte ich und fragte ihn dann weiter: „ Was machst du dann noch mal genau wenn du so eine Phase hast?“ Holger überlegte kurz. „Nun, meist kommt das zum Wochenende. Ich fühle mich dann sehr allein und traurig. Ich kann dir nicht sagen warum. Das kommt ganz plötzlich und wie aus dem Nichts. Dann will ich nur noch allein sein und verbarrikadiere mich zu Hause. Ich lege mich aufs Bett und starre an die Decke. Ich fühle mich dann wie gelähmt, bin kaum fähig zu denken oder mich zu bewegen. Dann fange ich an zu trinken. Solange bis ich blau bin.“ „Kannst du mir sagen wie du dich in so einer Situation dann fühlst?“ „Puh, das ist schwer zu beschreiben,“ antwortete Holger, „ es ist wie eine Mischung aus Angst und Trauer. Es ist wirklich ganz furchtbar.“ Tränen schimmerten in Holgers Augen, dann sagte er: „ Ich glaube ich erzähle das zum ersten Mal…“

„Du sagtest mir mal, dass du ein Adoptiv- Kind bist.“ „Das stimmt“, kam die Antwort, „meine leiblichen Eltern kenne ich nicht. Zu meinen Adoptiv Eltern habe ich aber ein sehr liebevolles Verhältnis.“ „Gut“ sagte ich dann, „wenn du möchtest können wir herausfinden was die Ursache deines Problems ist.“ „Wird das weh tun?“ fragte Holger mit einem leichten Grinsen. Ich lächelte zurück: „ Nun ich denke ganz ohne Schmerz wird es nicht gehen. Aber keine Sorge ich bin bei dir.“ Dann erklärte ich Holger was ich mit ihm vor hatte und er erklärte sich einverstanden. Dann begannen wir mit der Heilsitzung.

Ich stellte mich hinter Holger, den ich bat seine Augen zu schließen und lies meine Heilenergie in ihn hineinströmen. Nach einiger Zeit zuckte er etwas und ich fragte ihn, was er in seinem Geiste sehen würde. Holger schwieg eine Weile, dann antwortete er mit belegter Stimme, dass er bei jemanden auf dem Arm sei. „Bei wem bist du auf dem Arm?“ fragte ich weiter. „ Meiner Mutter. Meiner wirklichen Mutter. Das fühlt sich so wunderbar an. Ich bin so glücklich.“ „Wie alt bist du?“ hakte ich nach. „Ich weiß nicht genau. Vielleicht ein Jahr.“
Dann veränderte sich Holgers Gesichtsausdruck plötzlich. Er sah traurig aus. „Was passiert jetzt?“, fragte ich. „Ein Mann ist gekommen. Meine Mutter und er fangen an zu streiten. Sie sind sehr laut. Meine Mutter legt mich in mein Gitterbettchen zurück.
Nach einiger Zeit des Streitens gehen beide einfach aus dem Zimmer.“ „Was machst du?“ Kurze Pause. Dann antwortete Holger: „ Ich liege weiterhin in dem vergitterten Bettchen und weine vor mich hin. Niemand beachtet mich.“ „Was passiert dann?“, fragte ich wieder.
„Ich liege dort und wimmere vor mich hin. Ich weiß nicht wie lange. Es ist so schrecklich, niemand kommt. Ich bin vollkommen am Ende. Ich schlafe ein.“ Ich fragte weiter:“ Was passiert als nächstes?“

„Ich bin wieder wach. Immer noch allein und starre an die Decke. Ich fühle mich furchtbar. Ich habe solche Angst, ich will zu meiner Mutter aber da ist niemand. Ich bin so einsam und ich habe solchen Hunger. Ich schreie und schreie aber irgendwann schlafe ich vor Erschöpfung wieder ein.“
Eine kurze Pause folgte dann machte Holger weiter und sagte: „ Ich werde wach. Ich höre Stimmen und Schritte. Die Tür geht auf. Da sind Männer und Frauen. Ich kenne sie nicht. Sie holen mich aus dem Bettchen und eine Frau nimmt mich auf den Arm. Sie spricht tröstende Worte dann bringen sie mich weg. „Wie fühlst du dich?“ fragte ich Holger. „Vollkommen erschöpft und irgendwie verwirrt. Aber ich bin auch froh, dass jemand gekommen ist.“

„Was kommt dann?“ Holger holte kurz Atem dann berichtete er weiter: „ Man bringt mich in ein Krankenhaus. Ich liege wieder in einem Gitterbettchen. Da sind auch noch andere Kinder. Ich kann sie hören. Wo ist meine Mama? Ich weine wieder. Es kommt jemand. Eine Frau. Ich kenne sie nicht. Sie nimmt mich auf den Arm und gibt mir eine Flasche zu trinken. Aber irgendwie ist die Frau nicht herzlich. Irgendwie ohne Liebe. Sie macht nur ihren Job. Ihre Umarmung fühlt sich kalt an. Die Flasche die sie mir gibt fühlt sich kalt an. Sie gibt mir eine kalte Flasche…Dann liege ich wieder und starre an die Decke und sehe das kalte Licht der Lampen. Ich bin wie paralysiert. Ich liege nur so da und starre vor mich hin. Manchmal weine ich. Aber da weinen noch viele andere. Manchmal dauert es bis jemand kommt. Ich möchte in den Arm genommen werden, das mich jemand befreit. Dann kommt wieder diese Frau und gibt mir die Flasche. Aber sie fühlt sich wieder so kalt an. Eine kalte Flasche…“

Holger beendet seine Erzählung damit, dass dann später seine Adoptiveltern kamen und ihn zu sich nahmen. Von da an ging es ihm dann besser. Trotzdem vermisste er seine Mutter furchtbar und diesen Schmerz trug er immer mit sich. Später als er dann seine ersten Beziehungen hatte zog er immer Frauen an die ihn bald wieder verließen. Diese Erfahrungen waren immer sehr traumatisch für ihn. Er begann zu trinken um den Schmerz zu betäuben, legte sich aufs Bett, starrte an die Decke und fühlte sich wie paralysiert. Nachdem Holger seine Erzählungen beendet hatte fragte ich ihn wo er dieses Gefühl der „kalte Flasche“ her kenne.
Er sagte: „Das ist als wenn ich trinke. Ich trinke Alkohol meist aus der Flasche wenn ich allein bin. Dann ist das die kalte Flasche aus meiner Kindheit!? Mein Ersatz dafür?“ „Genau“, bestätigte ich. „Die kalte Flasche ohne Liebe.“ „Aber warum tue ich das? Das hat mir doch nicht gut getan. Das ist doch paradox. Wieso wiederhole ich diese Gefühle?“ Ich antworte Holger daraufhin: „ Dein Unterbewusstsein hat dieses Trauma von damals abgespeichert und jedes Mal, wenn du in eine ähnliche Situation kommst, also z.B. von einer Frau verlassen wirst, dann erinnert sich das Unterbewusste an dieses alte Trauma wo du deine Mutter verloren hast und solange alleine warst.
Es spielt dann diese alten Gefühle wieder ab und du fühlst all den Schmerz von damals. Das paradoxe daran ist, dass du dann das selbe tust was du damals getan hast. Du legst dich hin. Meist an einem Wochenende, also über mehrere Tage liegst du einfach nur da. Genauso wie du damals als Kleinkind dagelegen hast. Du fühlst die selben Dinge wie damals. Angst, Verwirrung und du bist wie paralysiert.
Und dann trinkst du Alkohol aus der „kalten Flasche“. Erst als du als Kleinkind im Krankenhaus warst, hast du die erste richtige Zuwendung bekommen. Leider von einer überarbeiteten Krankenschwester, die die Liebe deiner Mutter nicht ersetzen konnte. Sie gab dir die Flasche, die du als kalt, also als lieblos, empfunden hast. Trotzdem war es auf eine bestimmte Weise Zuwendung und Aufmerksamkeit die du dadurch bekamst. Es linderte also deinen Schmerz schon etwas, aber eben nicht völlig.

Wenn ein Kind oder Baby solch ein Erlebnis hatte, sucht es oft die Schuld bei sich selbst. Es glaubt, dass es Schuld sein muss, dass es wohl etwas falsch gemacht haben muss, sonst wäre Mama doch nicht fortgegangen. Aus diesen unterbewussten Schuldgefühlen zerstörtest du dich dann als Erwachsener selbst, durch das übermäßige Trinken von Alkohol, weil es die heutige Interpretation für die „kalte Flasche“ ist. Für einen Augenblick bekommst du dadurch deinen vermeintlichen Trost. Auf der anderen Seite kannst du dich aber weiter zerstören weil du glaubst du bist nicht lebenswert / liebenswert.“

Holger liefen die Tränen, dann sagte er: „ Jetzt verstehe ich endlich warum ich das tue.“
Ich führte Holger dann auf der spirituellen Ebene mit seiner Mutter zusammen und er klärte dann mit ihr, warum sie damals nicht mehr zurück kam. Dann ging der Erwachsene Holger zu dem kleinen Holger und holte diesen endlich aus diesem Gitterbettchen im Krankenhaus heraus. Er gab ihm den Trost, den er brauchte und erklärte ihm, dass er nichts dafür konnte was damals passiert war. Er erklärte dem kleinen Holger ganz genau, warum seine Mama damals nicht mehr zurück kam. Dann versprach er den Kleinen, immer für ihn da zu sein und nahm den Kleinen dann mit in sein jetziges Leben.

Wir beendeten die Heilsitzung und ein glücklicher Holger lachte mich an. Er sollte von jetzt an für immer von seinem Alkoholproblem befreit sein.

Copyright by Marco Hennings

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