Nachricht von einem Toten

Für ein kleines Filmprojekt über meine Arbeit suchte ich Probanden, die bereit waren vor einer Kamera eine Heilsitzung mitzumachen. Ein Mann meldete sich auf meinen Aufruf. Nennen wir ihn Peter. Peter fragte per E-Mail für seine Frau Sabine an. Sie hatte diverse Anliegen. Unter anderem Ängste und Probleme mit dem Selbstwert.

Damals wusste ich noch nicht, dass die Heilsitzung mit dieser Dame völlig anders verlaufen sollte, als ich es ursprünglich gedacht hatte. Denn als das ganze ins Rollen kam, war mir nicht klar, dass ich mit einem Todgeweihten korrespondierte. Als wir uns treffen wollten, um alle wichtigen Fragen zu klären, rief Sabine eine halbe Stunde vor diesem Termin an um abzusagen. Sie teilte mir mit, dass ihr Mann in eine akute Psychose gefallen sei, was Phasenweise bei ihm vorkam und nun könnten sie leider nicht kommen. Einige Tage später meldete sie sich ein weiteres Mal, um mir zu sagen, dass ihr Peter nicht mehr am Leben sei. Er hatte sich unter dem Einfluss der Psychose aus der Wohnung geschlichen und sich vor eine Bahn geworfen. Er war sofort tot.

Das war natürlich eine furchtbare Nachricht. Ich hatte Peter nie persönlich kennen gelernt, trotzdem machte mich diese Neuigkeit betroffen. Sabine sagte mir, dass sie trotz ihres Verlustes eine Heilsitzung machen wolle. Zwar nicht sofort, aber später, wenn die erste Trauer verarbeitet sei. Ich erklärte mich einverstanden und zwei Monate später trafen wir uns dann. Sabine setze sich mir gegenüber und als ich sie nach ihren Problemen fragte, bemerkte ich, dass etwas anders war als sonst. Ich spürte, dass noch jemand anderes anwesend war, als nur Sabine der Kameramann und ich.
Sabine konnte nur schwer über ihr Problem reden und immer wieder kam sie auf ihren Mann zu sprechen. Sie weinte und ihr ganzer Kummer kam an die Oberfläche. Ich fragte sie, ob sie sich irgendwelche Vorwürfe wegen seines Todes machen würde? Sie bejahte meine Frage. Sie würde sich immer wieder fragen, ob sie es nicht doch hätte verhindern können. Natürlich trug sie keine Schuld daran. Wie sollte sie? Peter war krank. Weder er noch Sabine konnten etwas dafür, dass er sich umgebracht hatte. Intellektuell war das Sabine auch klar, aber emotional konnte sie sich von diesen Schuldgefühlen nicht freimachen. Ihre Gedanken kreisten permanent um diese Frage. Ich wusste, dass egal was ich ihr jetzt auch sagen würde, es würde nicht reichen, um sie von den Schuldgefühlen zu befreien. Also musste sie mit Peter selbst reden. Natürlich war er tot, aber ich vermutete, dass diese Präsenz, die ich gleich am Anfang des Gespräches verspürte, er sein könnte. Diese Möglichkeit wollte ich nutzen.

Ich bat Sabine aufzustehen und ihre Augen zu schließen. Dann lies ich meine Heilenergie über meine Hände in sie hineinströmen. Sabine entspannte sich nach und nach mehr. Nach einiger Zeit bat ich sie, sich auf ihren Peter zu konzentrieren. Sie bestätigte mir ihn im Geiste bereits zu sehen. Schon als ich angefangen hatte manifestierte er sich.

Sie wollte ihn in ihre Arme schließen und ich munterte sie dazu auf, es zu tun. Wie ein Pantomime nahm sie daraufhin einen unsichtbaren Peter in ihre Arme. Sabine weinte voller Freude. Aus den Augenwinkeln nahm ich wahr, dass unserem Kameramann förmlich die Spucke wegblieb. So was sah man natürlich nicht alle Tage. Nach einiger Zeit bat ich Sabine, Peter zu fragen, ob sie vielleicht Schuld daran hätte, was mit ihm passiert war. Sie nickte und ich sah wie sie innerlich mit ihrem imaginären Mann sprach. Dann seufzte sie laut und sagte mir, dass er sie vollkommen von aller Schuld frei sprach. Sie konnte nichts dafür. Er liebte sie für alles was sie für ihn getan hatte. Sabine liefen Tränen der Erleichterung über die Wangen.

Eine Zeitlang tauschten die beiden sich dann noch über private Dinge aus und dann war es Zeit, Peter wieder gehen zu lassen. Die beiden verabschiedeten sich von einander. Danach kümmerten wir uns noch um Sabines eigentliches Anliegen und auch dieses konnte sie in Frieden mit sich lösen. Später fragte ich mich, ob Peter vielleicht schon unbewusst wusste, dass er bald von uns gehen würde und mich deshalb ausgesucht hatte.

Möglich wäre es. Wer weiß schon, welche Stühle und Tische hinter dem Vorhang des Theaters des Lebens, gerückt werden? Man mag an Geister glauben oder nicht, das einzig Wichtige war, dass Sabine von ihren Schuldgefühlen befreit war. Sie berichtet mir später, dass sie keine Trauer mehr verspüre. Sie konnte Abschied nehmen und nun glücklich ihr Leben weiterleben. Auch Peter konnte seine Reise auf der anderen Seite nun in Frieden fortsetzen.

Copyright Marco Hennings

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