Einfach Zwanghaft…

„Zwangsstörungen sind psychische Störungen. Es besteht für den Betroffenen ein innerer Drang, bestimmte Dinge zu denken oder zu tun. Der Betroffene wehrt sich gegen das Auftreten der Zwänge und erlebt diese als übertrieben und sinnlos. Die Störung bringt deutliche Belastungen und Beeinträchtigungen des Alltagslebens mit sich. Ältere Bezeichnungen für Zwangsstörungen sind Zwangserkrankung, Zwangsneurose und anankastische Neurose.“
( Quelle Wikipedia )

In einer meiner Heilsitzungen traf ich auf eine Dame mittleren Alters.
Nennen wir sie Hilde. Hilde berichtete mir, dass sie unter einem enormen Druck leide, ausgelöst durch eine Zwangsstörung.
Hilde konnte ihre Wohnung nicht verlassen bevor sie nicht absolut sicher war, dass sie wirklich alles pikobello aufgeräumt hatte und alles wirklich sauber war. Also ein klassischer Putzzwang. Nun war es sogar schon soweit gekommen, dass sie immer öfter deswegen zu spät zur Arbeit kam und ihr Arbeitgeber ihr mit Konsequenzen drohte. Eine Abmahnung hatte sie bereits erhalten und obwohl sie alles versuchte um die Wohnung rechtzeitig zu verlassen um pünktlich auf der Arbeit zu erscheinen, gelang es ihr nicht.

Ich stellte mich hinter sie und lies meine Energie in sie hineinfließen, damit Hilde herausfinden konnte, was die wirkliche Ursache für ihr Leiden war. Nach einiger Zeit kamen die ersten Bilder aus ihrem Unterbewussten an die Oberfläche ihres Bewusstseins. Sie fing an zu lachen und sah sich im Alter von vier oder fünf Jahren zusammen mit ihren Zwillingsbruder in ihrem gemeinsamen Zimmer spielen. Die beiden hatten einen heiden Spaß und spielten ausgelassen in einem Schlachtfeld aus Spielzeug das vorher noch ihr Kinderzimmer gewesen war.

Als sich die beide grade eine herzhafte Kissenschlacht lieferten, kam die Großmutter herein, die auf die beiden aufpasste, da ihre Mutter auf der Arbeit war, und sah das Chaos. Sie fing sofort an zu schimpfen und schalt die Kinder auf der Stelle mit dem Blödsinn aufzuhören. Völlig erschrocken hörten die beiden sofort auf und standen wie angewurzelt vor ihrer schimpfenden Omi. Als ich Hilde fragte, was als nächstes passierte, liefen ihr Tränen über das Gesicht. Sie berichtete dass ihre Oma ihren Bruder auf den Arm nahm und nur ihr die alleinige Schuld für das ganze Touwaboo gab.

Ich fragte Hilde, wie sie sich dabei fühlte. Sie erwiderte, dass sie sich ganz schrecklich fühlte. Obwohl sie alle beide daran beteiligt waren, bekam nur sie die Schuld dafür. Das war ungerecht und sie wollte auch den Raum mit ihrer Oma und ihrem Bruder verlassen. „Großmutter hatte meinen Bruder schon immer bevorzugt,“ sagte sie. „Was passiert als nächstes“, fragte ich Hilde. „Meine Oma sagt mir, dass ich den Raum erst verlassen dürfe, wenn ich den Raum vollkommen aufgeräumt habe. Dann geht sie mit meinem Bruder hinaus und schließt die Tür und ich bin allein. Ich bin total traurig und weine vor mich hin. Aber sie kommen nicht zurück und ich räume auf so gut ich das halt kann, aber Omi kommt nicht wieder zurück.

„Wieso nicht?“ hackte ich nach. „Meine Mutter ist gekommen und Großmutter ist wohl dann direkt nach Hause gegangen. Dann kommt meine Mutter und öffnet die Tür, begrüßt mich und holt mich zum Essen.“

Nachdem wir die Heilsitzung beendet hatten, fragte ich Hilde wie sie sich jetzt fühle. Sie lächelte und sagte: „Ich verstehe jetzt warum ich diesen Putzzwang habe,“ antwortete sie.
„Jetzt ist mir alles klar geworden. Ich warte heute noch darauf, dass meine Großmutter mich aus dem Zimmer holt!“ „Genau“, antworte ich. Du hast damals ein kleines Trauma erlitten. Manchmal kann das bei Kindern schon durch eine Kleinigkeit verursacht werden.“
Ein Trauma entsteht durch einen Schock der nicht aufgelöst werden konnte, wie ich an andere Stelle dieses Blogs schon einmal erwähnt habe. Kommen zu solch einen Schock noch Angst und Schuldgefühle hinzu, dann kann das später zu verschiedenen Neurosen oder sogar schlimmeren führen.

„In deinem Fall hast du einen Putzzwang entwickelt bei dem du den Raum ( deine Wohnung ), nicht eher verlassen konntest, bevor für dich nicht alles pikobello aufgeräumt war. Ansonsten hättest du immer unterschwellig Schuldgefühle gehabt die dich völlig verunsichert hätten.“ „Das Stimmt!“ sagte Hilde, „Ich fühlte mich dann immer irgendwie schuldig…“

„Deine Großmutter hat dich in dem Zimmer zurückgelassen. Und obwohl du alles so gut wie möglich aufgeräumt hattest, kam sie nicht zurück um dich aus dieser Situation zu entlassen.
Das wäre aber absolut notwendig gewesen. Sie hat dir die Strafe auferlegt und nur sie konnte diese auch wieder aufheben. Dadurch, dass sie es nicht tat, fühltest du dich weiterhin schuldig. Aus irgendeinem Grund hat dein Unterbewusstsein jetzt angefangen diese alten Schuldgefühle an die Oberfläche zu bringen. Wie lange hast du diesen Putzzwang schon?“
„Ungefähr seit zwei Jahren,“ sagte Hilde. „Kann es sein,“ sagte ich, „dass deine Großmutter vor ungefähr zwei Jahren verstorben ist?“
„Ja, das stimmt…!“ antworte Hilde und sie sah mich an, als würden ihr die Schuppen aus den Augen fallen. „Meinst du, dass ich jetzt von dem Zwang geheilt bin?“

„Nun, antworte ich, „das werden wir spätesten dann sehen, wenn du wieder zur Arbeit gehen wirst. Eigentlich ist die Ursache deines Problems ja jetzt an die Oberfläche gekommen. Sobald ein Mensch die Ursache für sich verstanden hat, sollten auch die Probleme verschwinden, da das Unterbewusste nun keine Notwendigkeit mehr darin sieht, ihm diese alten Gefühle zu senden.“

Einige Tage später rief mich eine hocherfreute Hilde an um mir mitzuteilen, dass sie keine Anstalten mehr machte diesen Zwang auszuführen. Sie können sich nicht Vorstellen wie glücklich und befreit sie war, einfach mal eine unordentliche Wohnung zu hinterlassen.

So schön kann das Leben eben manchmal sein.

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Suizid am Wegesrand

Schuldgefühle sind etwas, was wir alle irgendwann einmal im Leben kennen gelernt haben.Einige dieser Gefühle haben für uns einen sehr bewussten Ursprung, während andere dieser Gefühle für uns nicht mehr klar ersichtlich sind, weil diese tief in unserem Unterbewussten verborgen sind. Manche dieser Schuldgefühle konnten wir loswerden, an anderen rühren wir besser nicht herum. Zu schmerzlich wären vielleicht die Erinnerungen. Und was wäre, wenn sich die Büchse der Pandora der Schulgefühle, nicht mehr schließen ließe?

In meinem nächsten Fallbeispiel werden wir uns tiefer mit einem speziellen Phänomen der Schuld auseinander setzen.
Lilie ( Name geändert ) eine etwa 20 Jährige mit sonnigem, herzlichem Gemüt, besuchte mich für eine Heilsitzung und setzte sich auf den mir gegenüber stehenden Stuhl.

Zuerst plauderten wir etwas miteinander. Lilie war etwas aufgeregt und durch das zunächst zwanglose Gespräch gab ich ihr die Gelegenheit, sich zu beruhigen und ihre Energie im ganzen Raum zu verteilen. Während ihrer Erzählungen in der ich sie in ihrer Gesamtheit wahrnahm, viel mir sogleich auf, dass sie trotz ihres sonnigen Gemütes, etwas dunkles, trauriges auf ihren Schultern trug. Nachdem wir uns etwas besser kennen gelernt hatten, lenkte ich nun das Gespräch in Richtung des Grundes für ihren Besuch.

„Wobei kann ich dir behilflich sein, Lilie?“ fragte ich sie also.

Ihr Blick wurde zunächst etwas unsicher und es schien, als würde sie nach den richtigen Worten suchen müssen.

Lilie berichtete mir, dass sie vor einigen Jahren einen schweren Autounfall hatte. Bei diesem Unfall war jemand ums Leben gekommen. Folgendes hatte sich zugetragen:

Ihr Freund hatte ein Motorrad und dieses musste in eine Werkstatt zur Inspektion. Lilie wollte ihren Freund von dort aus dann wieder mit ihrem Wagen mit nach Hause nehmen. Es war ein schöner Tag und beide waren guter Dinge und so fuhr Lilie ihrem Freund mit guter Laune und gebührendem Abstand hinterher.

Sie fuhren schon ein Weile, als Lilie eine Gestalt an der Straße bemerkte. Ihr Freund fuhr grade an dieser Person vorbei und als Lilie sie erreichte, sprang diese urplötzlich und ohne erkennbaren Grund vor ihr Auto. Lilie hatte nicht die geringste Chance zu bremsen. Sie hörte nur noch den Knall des Aufpralls als der Körper mit dem Wagen kollidierte. Mit Mühe versuchte sie das schleudernde Auto unter Kontrolle zu bekommen und endlich gelang es ihr den Wagen zum Stillstand zu bringen.

Unter Schock öffnete sie die Fahrertür und lief zu der, am Wegesrad, leblos liegenden Gestalt. Als sie sich näherte erkannte sie, dass es sich um eine Frau handelte. In der zwischen Zeit war auch ihr Freund eingetroffen, der den Unfall in seinen Rückspiegeln gesehen hatte und sofort umgekehrt war. Sie alarmierten einen Rettungswagen, aber die Frau war bereits vor dem eintreffen der Rettungskräfte verstorben.

Lilie machte eine kurze Pause und atmete tief durch bevor sie weiter erzählen konnte.

„Wir erfuhren später, dass diese Frau, die ich überfahren hatte, psychische Probleme hatte. Man hatte einen Abschiedsbrief gefunden.
Allen war klar, das ich keine Schuld an diesen schrecklichen Unfall hatte. Auch die Familie der Verstorbenen sprach mich von jeder Schuld frei. Niemand machte mir einen Vorwurf. Im Gegenteil. Man zeigte mir Mitgefühl und Verständnis. Auch mir ist eigentlich klar, dass ich nichts hätte tun können. Ich denke sogar, dass es gut war, dass sie vor mein Auto gesprungen war. Wäre sie vor das Motorrad meine Freundes gesprungen, wäre er vermutlich auch ums Leben gekommen. So war es doch besser für uns. Auch wenn ich jetzt mit diesen Schuldgefühlen Leben muss.“

An diesen Punkt endete Lilie mit ihrer Erzählung.

Mir war klar, dass, egal was ich Lilie sagen würde, sich dadurch nichts an ihren Schuldgefühlen ändern würde.

Hier gab es nur eine Möglichkeit, damit Lilie ihren Frieden zurück bekommen konnte. Sie musste persönlich mit der Verstorbenen sprechen. Also machte ich mich an die Arbeit und bat Lilie ihre Augen zu schließen damit sie sich entspannen konnte. Anschließend stellte ich mich hinter sie und lies meine Energie in sie hineinfließen. Nach wenigen Augenblicken nahm ihr Unterbewusstsein bereits an Fahrt auf und nur einige Sekunden später, erlebte sie den Unfall dann zum zweiten mal wieder. Aber diesmal in ihrem Geiste.

Ich sagte grade: „Der Unfall ist grade passiert und was siehst du jetzt?“ Lilie schwankte leicht mit ihrem Körper hin und her und mit etwas belegter Stimme antwortete sie: „Ich steige aus dem Auto und sehe die leblose Gestalt ein paar Meter von mir weg liegen. Ich laufe voller entsetzen zu ihr hinüber.“ Lilie zitterte und ich spürte, dass sich ihr Schock langsam zu lösen begann. Ein paar Tränen kullerten ihr über das Gesicht. Dann berichtete sie weiter: „ Aber jetzt passiert etwas seltsames. Die Frau liegt nicht mehr auf dem Boden, sondern steht vor mir und lächelt mich an!“

Jetzt gab es kein halten mehr und Lilie sank weinend zu Boden. Der Schock, der sie seit dem Unfall nicht losgelassen hatte und für sie zum Trauma geworden war, brach endlich aus ihr heraus. Ich lies all das geschehen und unterstütze sie nur mit meiner bedingungslosen Liebe und hin und wieder mal mit einem tröstendem, leisem: „Ich weiss…“

Nach einigen Minuten beruhigte sich Lilie langsam und ich wusste, dass die erste Welle vorüber war. Nun fragte ich sie, ob die Frau immer noch vor ihr stehen würde. Lilie antworte, dass sie immer noch da war und sie anlächelte. „Wie fühlst du dich, wenn du sie so siehst?“ fragte ich. „Es ist sehr schön sie so zu sehen. Ihr Körper ist überhaupt nicht verletzt und irgendwie strahlt sie!“ Würdest du ihr gerne etwas sagen?“ fragte ich dann.

„Ja!“ antworte Lilie prompt. „Ich möchte ihr sagen wie unendlich leid mir alles tut!“
„Dann tu das.“ ermunterte ich sie. Lilie liefen erneut Tränen über das Gesicht aber diesmal weniger heftig als beim ersten Mal. Dann richte sie ihr Wort an die Verstorbene und erzählte ihr, wie furchtbar alles für sie gewesen war, und das sie sich so schuldig deswegen fühlte. Als sie fertig war, fragte ich sie, wie die Verstorbene darauf reagiert hätte.

„ Es passiert nichts weiter, außer das sie mich weiterhin liebevoll betrachtet.“
„Frag sie mal was du tun kannst, damit es dir besser geht.“ Lilie tat wie ihr geheißen. Dann huschte ein lächeln über ihr Gesicht und sie flüsterte: “Sie hat meine Hände genommen. Ich höre ihre Stimme. Ihre Lippen bleiben geschlossen aber ich fühle ihre Stimme förmlich in mir.“ „Was teilt sie dir mit?“ fragte ich mit einer leichten Gänsehaut. „Sie bittet mich um Verzeihung…“, kam es schluchzend von Lilie, „und dass es nicht meine Schuld war. Sie war so krank und unglücklich. Sie wusste nicht mehr was sie tat. Sie wollte nicht, dass jemand anderes mit hineingezogen wird. Vor allem nicht so jemand besonderem, wie ich es bin.“

Wieder liefen einige Tränen, aber diesmal waren es Tränen der Liebe. Ich spürte wie Lilie ihre Kräfte zurück bekam. Ich lies die beiden noch eine Zeit lang miteinander reden, bis ich spürte, dass die Verstorbene nun gehen musste. Ich bat Lilie sich nun von der Verstorbenen zu verabschieden und Lilie sah mit ihrem geistigen Auge, wie sie in ein helles, leuchtendes Licht gezogen wurde und verschwand. Auch ich spürte, wie die Präsenz unseres Besuchers weniger wurde, bis ich sie nicht mehr wahrnehmen konnte. Wir beendeten die Heilsitzung und Lilie und ich setzten uns wieder. Sie strahlte über das ganze Gesicht und wirkte gelöst und frei.

„Wie geht es dir jetzt?“ fragte ich sie. „Ich fühle einen unglaublichen Frieden in mir!“ antwortete sie überglücklich. „Was war das gerade, Marco? War das wirklich ihr Geist? War sie wirklich hier?“

„Nun,“ antworte ich, „ es gibt sicher Leute die behaupten würden, dass es sich einfach um eine Projektion deines Unterbewussten gehandelt hat. Was auch verständlich ist, denn sie waren nicht dabei. Nur wer so eine Erfahrung am eigenem Leib erfahren hat, weiß dass das, was gerade hier passiert ist, wirklich real war.“
„Ich habe alles so klar, wahrgenommen, Marco. Das war wirklich wundervoll! Danke! Ich glaube es ist wirklich vorbei.“

„Ruf mich an, falls es doch noch, im nach hinein Probleme geben sollte.“ Dann plauderten Lilie und ich noch eine Weile miteinander, bis sie sich auf dem Heimweg machte. Lilie hatte nicht nur für sich Frieden und Heilung gefunden. Dadurch, dass sie den Kontakt zu der Selbstmörderin suchte und ihr über die Heilsitzung, ihren Schmerz mitteilten konnte, bekam auch die Verstorbene die Gelegenheit ihren Fehler zu korrigieren und Lilie ebenfalls um Verzeihung zu bitten. Beide konnten nun ihr jeweiliges Leben auf der jeweiligen Seite des Daseins ungetrübt fortsetzen und sich auf das Wesentliche konzentrieren. Zwei wunderbare Heilungen. Und ich dachte bei mir: ‚Das war doch eine wundervolle Erfahrung.’

Ein Anruf kam übrigens nie.

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Geistheiler & Reiki Lehrer in Hamburg

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Die kalte Flasche

Eines guten Tages stand ein alter Freund vor mir und bat mich um eine Sitzung. Wir sahen uns nicht oft, aber wenn wir uns trafen, war es immer eine Freude für uns beide. An diesem Tage sah ich, dass es ihm wirklich nicht gut ging und wir vereinbarten sofort einen Termin. Mein Freund, nennen wir ihn hier Holger, 48 Jahre und ein sehr angenehmer, sympathischer und freundlicher Mann, schilderte mir seine Problematik.

Er erzählte mir, dass er sich vor kurzem an einem Wochenende so fürchterlich betrunken hatte, dass er in einem Krankenhaus aufgewacht war. Dort wurde ihm von den Ärzten mitgeteilt, dass er in einem akuten Stadium eines Deliriums zu ihnen gebracht wurde. Die Ursache für das Delirium war ein starker Alkoholkonsum, der sich wohl über mehrere Tage erstreckt hatte. Holger konnte sich kaum noch an etwas erinnern. Es war eine sehr schreckliche Erfahrung für ihn, in einem Krankenhaus aufzuwachen und solch eine Diagnose gestellt zu bekommen. Er hatte schon immer ein leichtes Alkohol-Problem, wie er es nannte. Aber so schlimm stand es noch nie um ihn. Es beunruhigte ihn so sehr, dass er zum ersten Mal Hilfe in Anspruch nehmen wollte.

Nun wie gesagt, ich kannte ihn ja bereits und wusste von seinen seelischen Problemen. Wir sprachen manchmal darüber und ich sagte ihm dann öfter, dass es vielleicht gut wäre eine Psychotherapie in Erwägung zu ziehen. Er lächelte dann nur und sagte: „Wenn es wirklich mal soweit mit mir kommt, dann komme ich lieber zu dir!“ Dann lachten wir meist und wechselten das Thema.

Ich fragte ihn, was denn kurz vor diesem Wochenende passiert war, dass er daraufhin soviel getrunken hatte. „Eigentlich nichts besonders“, antwortete er. „ Es gab vielleicht in der vorigen Woche etwas mehr Stress bei der Arbeit, aber das kommt ja öfter mal vor. Trotzdem war ich an den Tagen etwas mehr down als sonst. Ich habe das ja öfter mal, wie du weißt.“ „Ja, ich erinnere mich,“ sagte ich und fragte ihn dann weiter: „ Was machst du dann noch mal genau wenn du so eine Phase hast?“ Holger überlegte kurz. „Nun, meist kommt das zum Wochenende. Ich fühle mich dann sehr allein und traurig. Ich kann dir nicht sagen warum. Das kommt ganz plötzlich und wie aus dem Nichts. Dann will ich nur noch allein sein und verbarrikadiere mich zu Hause. Ich lege mich aufs Bett und starre an die Decke. Ich fühle mich dann wie gelähmt, bin kaum fähig zu denken oder mich zu bewegen. Dann fange ich an zu trinken. Solange bis ich blau bin.“ „Kannst du mir sagen wie du dich in so einer Situation dann fühlst?“ „Puh, das ist schwer zu beschreiben,“ antwortete Holger, „ es ist wie eine Mischung aus Angst und Trauer. Es ist wirklich ganz furchtbar.“ Tränen schimmerten in Holgers Augen, dann sagte er: „ Ich glaube ich erzähle das zum ersten Mal…“

„Du sagtest mir mal, dass du ein Adoptiv- Kind bist.“ „Das stimmt“, kam die Antwort, „meine leiblichen Eltern kenne ich nicht. Zu meinen Adoptiv Eltern habe ich aber ein sehr liebevolles Verhältnis.“ „Gut“ sagte ich dann, „wenn du möchtest können wir herausfinden was die Ursache deines Problems ist.“ „Wird das weh tun?“ fragte Holger mit einem leichten Grinsen. Ich lächelte zurück: „ Nun ich denke ganz ohne Schmerz wird es nicht gehen. Aber keine Sorge ich bin bei dir.“ Dann erklärte ich Holger was ich mit ihm vor hatte und er erklärte sich einverstanden. Dann begannen wir mit der Heilsitzung.

Ich stellte mich hinter Holger, den ich bat seine Augen zu schließen und lies meine Heilenergie in ihn hineinströmen. Nach einiger Zeit zuckte er etwas und ich fragte ihn, was er in seinem Geiste sehen würde. Holger schwieg eine Weile, dann antwortete er mit belegter Stimme, dass er bei jemanden auf dem Arm sei. „Bei wem bist du auf dem Arm?“ fragte ich weiter. „ Meiner Mutter. Meiner wirklichen Mutter. Das fühlt sich so wunderbar an. Ich bin so glücklich.“ „Wie alt bist du?“ hakte ich nach. „Ich weiß nicht genau. Vielleicht ein Jahr.“
Dann veränderte sich Holgers Gesichtsausdruck plötzlich. Er sah traurig aus. „Was passiert jetzt?“, fragte ich. „Ein Mann ist gekommen. Meine Mutter und er fangen an zu streiten. Sie sind sehr laut. Meine Mutter legt mich in mein Gitterbettchen zurück.
Nach einiger Zeit des Streitens gehen beide einfach aus dem Zimmer.“ „Was machst du?“ Kurze Pause. Dann antwortete Holger: „ Ich liege weiterhin in dem vergitterten Bettchen und weine vor mich hin. Niemand beachtet mich.“ „Was passiert dann?“, fragte ich wieder.
„Ich liege dort und wimmere vor mich hin. Ich weiß nicht wie lange. Es ist so schrecklich, niemand kommt. Ich bin vollkommen am Ende. Ich schlafe ein.“ Ich fragte weiter:“ Was passiert als nächstes?“

„Ich bin wieder wach. Immer noch allein und starre an die Decke. Ich fühle mich furchtbar. Ich habe solche Angst, ich will zu meiner Mutter aber da ist niemand. Ich bin so einsam und ich habe solchen Hunger. Ich schreie und schreie aber irgendwann schlafe ich vor Erschöpfung wieder ein.“
Eine kurze Pause folgte dann machte Holger weiter und sagte: „ Ich werde wach. Ich höre Stimmen und Schritte. Die Tür geht auf. Da sind Männer und Frauen. Ich kenne sie nicht. Sie holen mich aus dem Bettchen und eine Frau nimmt mich auf den Arm. Sie spricht tröstende Worte dann bringen sie mich weg. „Wie fühlst du dich?“ fragte ich Holger. „Vollkommen erschöpft und irgendwie verwirrt. Aber ich bin auch froh, dass jemand gekommen ist.“

„Was kommt dann?“ Holger holte kurz Atem dann berichtete er weiter: „ Man bringt mich in ein Krankenhaus. Ich liege wieder in einem Gitterbettchen. Da sind auch noch andere Kinder. Ich kann sie hören. Wo ist meine Mama? Ich weine wieder. Es kommt jemand. Eine Frau. Ich kenne sie nicht. Sie nimmt mich auf den Arm und gibt mir eine Flasche zu trinken. Aber irgendwie ist die Frau nicht herzlich. Irgendwie ohne Liebe. Sie macht nur ihren Job. Ihre Umarmung fühlt sich kalt an. Die Flasche die sie mir gibt fühlt sich kalt an. Sie gibt mir eine kalte Flasche…Dann liege ich wieder und starre an die Decke und sehe das kalte Licht der Lampen. Ich bin wie paralysiert. Ich liege nur so da und starre vor mich hin. Manchmal weine ich. Aber da weinen noch viele andere. Manchmal dauert es bis jemand kommt. Ich möchte in den Arm genommen werden, das mich jemand befreit. Dann kommt wieder diese Frau und gibt mir die Flasche. Aber sie fühlt sich wieder so kalt an. Eine kalte Flasche…“

Holger beendet seine Erzählung damit, dass dann später seine Adoptiveltern kamen und ihn zu sich nahmen. Von da an ging es ihm dann besser. Trotzdem vermisste er seine Mutter furchtbar und diesen Schmerz trug er immer mit sich. Später als er dann seine ersten Beziehungen hatte zog er immer Frauen an die ihn bald wieder verließen. Diese Erfahrungen waren immer sehr traumatisch für ihn. Er begann zu trinken um den Schmerz zu betäuben, legte sich aufs Bett, starrte an die Decke und fühlte sich wie paralysiert. Nachdem Holger seine Erzählungen beendet hatte fragte ich ihn wo er dieses Gefühl der „kalte Flasche“ her kenne.
Er sagte: „Das ist als wenn ich trinke. Ich trinke Alkohol meist aus der Flasche wenn ich allein bin. Dann ist das die kalte Flasche aus meiner Kindheit!? Mein Ersatz dafür?“ „Genau“, bestätigte ich. „Die kalte Flasche ohne Liebe.“ „Aber warum tue ich das? Das hat mir doch nicht gut getan. Das ist doch paradox. Wieso wiederhole ich diese Gefühle?“ Ich antworte Holger daraufhin: „ Dein Unterbewusstsein hat dieses Trauma von damals abgespeichert und jedes Mal, wenn du in eine ähnliche Situation kommst, also z.B. von einer Frau verlassen wirst, dann erinnert sich das Unterbewusste an dieses alte Trauma wo du deine Mutter verloren hast und solange alleine warst.
Es spielt dann diese alten Gefühle wieder ab und du fühlst all den Schmerz von damals. Das paradoxe daran ist, dass du dann das selbe tust was du damals getan hast. Du legst dich hin. Meist an einem Wochenende, also über mehrere Tage liegst du einfach nur da. Genauso wie du damals als Kleinkind dagelegen hast. Du fühlst die selben Dinge wie damals. Angst, Verwirrung und du bist wie paralysiert.
Und dann trinkst du Alkohol aus der „kalten Flasche“. Erst als du als Kleinkind im Krankenhaus warst, hast du die erste richtige Zuwendung bekommen. Leider von einer überarbeiteten Krankenschwester, die die Liebe deiner Mutter nicht ersetzen konnte. Sie gab dir die Flasche, die du als kalt, also als lieblos, empfunden hast. Trotzdem war es auf eine bestimmte Weise Zuwendung und Aufmerksamkeit die du dadurch bekamst. Es linderte also deinen Schmerz schon etwas, aber eben nicht völlig.

Wenn ein Kind oder Baby solch ein Erlebnis hatte, sucht es oft die Schuld bei sich selbst. Es glaubt, dass es Schuld sein muss, dass es wohl etwas falsch gemacht haben muss, sonst wäre Mama doch nicht fortgegangen. Aus diesen unterbewussten Schuldgefühlen zerstörtest du dich dann als Erwachsener selbst, durch das übermäßige Trinken von Alkohol, weil es die heutige Interpretation für die „kalte Flasche“ ist. Für einen Augenblick bekommst du dadurch deinen vermeintlichen Trost. Auf der anderen Seite kannst du dich aber weiter zerstören weil du glaubst du bist nicht lebenswert / liebenswert.“

Holger liefen die Tränen, dann sagte er: „ Jetzt verstehe ich endlich warum ich das tue.“
Ich führte Holger dann auf der spirituellen Ebene mit seiner Mutter zusammen und er klärte dann mit ihr, warum sie damals nicht mehr zurück kam. Dann ging der Erwachsene Holger zu dem kleinen Holger und holte diesen endlich aus diesem Gitterbettchen im Krankenhaus heraus. Er gab ihm den Trost, den er brauchte und erklärte ihm, dass er nichts dafür konnte was damals passiert war. Er erklärte dem kleinen Holger ganz genau, warum seine Mama damals nicht mehr zurück kam. Dann versprach er den Kleinen, immer für ihn da zu sein und nahm den Kleinen dann mit in sein jetziges Leben.

Wir beendeten die Heilsitzung und ein glücklicher Holger lachte mich an. Er sollte von jetzt an für immer von seinem Alkoholproblem befreit sein.

Copyright by Marco Hennings